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stp-baby Redaktion
7. July 2018

ACHTSAMES ELTERN-SEIN: RICHTIG IST DER WEG, DER SICH STIMMIG ANFÜHLT

Doula, Stillberaterin, Familienbegleiterin und Autorin Lini Lindmayer im stp-baby Interview

Lini Lindmayer lebt in Gars am Kamp (Bezirk Horn, Waldviertel) und ist Mutter von sechs Kindern. Beruflich ist sie in verschiedensten Themen rund um das Thema Familie unterwegs. Lini begleitet (werdende) Mütter als Doula und Stillberaterin während Schwangerschaft und Wochenbett. Anschließend können niederösterreichische Eltern ihre Dienste als Familienbegleiterin rund um das natürliche Pflegen von Babys und die (Lern-) Bedürftnisse von Kindern in Anspruch nehmen. Als freischaffende Autorin hat sie zwei Eltern-Ratgeber im Bereich alternatives Aufwachsen, wie Windelfrei – So geht’s oder Geht’s auch ohne Schule – Auf den Spuren der Freilerner  veröffentlicht. Auf ihrem Blog schreibt sie regelmäßig über diese Themen, sowie das Leben und Begegnungen mit anderen Eltern im Alltag. Gemeinsam mit ihrem Mann Franz hat sie den Verein für natürliches Aufwachsen und selbstbestimmtes Leben gegründet. Außerdem hält sie regelmäßig Vorträge und Workshops über Themen wie z. B. Authentic Parenting und bietet auch Beratungen zu all diesen Themen in Wien und Niederösterreich an. 

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Hallo Lini! Danke, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Du bist ja eine vielbeschäftigte Frau. Freiberuflich mit so vielen verschiedenen Themen, die dir sehr am Herzen liegen und daneben Mama von 6 Kindern. Und keines dieser Kinder besucht den Kindergarten oder die Schule, habe ich das richtig verstanden? Wie funktioniert das bei dir zeitmäßig und von der Organisation her, wenn du arbeitest?

Meist arbeite ich Vormittags und Abends - je nachdem was ich machen muss. Fürs Schreiben brauche ich dann doch etwas mehr Ruhe, kann aber durchaus auch sein, dass die Kleinen da neben mir sind und ebenfalls was tun. Es gibt immer wieder Tage an denen Mails mit einem Stillkind am Schoß, einem Kleinkind hinter mir am Sessel und den anderen Kindern neben mir am Tisch beantwortet werden. Oder wo ich Onlinebesprechungen habe. Da auch mein Mann selbstständig tätig ist und überwiegend von Zuhause arbeitet, wachsen die Kinder natürlich damit auf und wissen, wenn wir beschäftigt sind oder Besprechungen haben müssen sie leise sein oder zum Spielen nach draußen bzw. in einen anderen Raum.
Das hört sich so immer recht idyllisch an, ist aber oft genug Herausforderung pur und geht nicht ohne einen Kalender, wo auch wirklich jeder Termin eingetragen wird und tägliche Absprachen. Wer macht was wann, wer verschiebt oder übernimmt ...
Nichts desto trotz - das Schöne an unserer Tätigkeit ist, dass die Kinder damit aufwachsen, es hautnah miterleben und wir als Eltern DA sein können.

Du begleitest ja schwangere Frauen als Doula vor und nach der Geburt. Für die LeserInnen unter uns, die noch nie etwas von einer Doula gehört haben: Was sind die wichtigsten Aufgaben einer Doula? Was tut eine Doula nicht? Und was sind die häufigsten Gründe, warum Frauen in Wien und Niederösterreich deine Dienste als Doula in Anspruch nehmen?

Wo Hebammen für den medizinischen Aspekt, den Geburtsvorgang und das körperliche zuständig sind, kümmert sich eine Doula ausschließlich um das (seelische) Wohlbefinden der Frau. Wir sind geburtserfahrene Frauen, die ein offenes Ohr für die großen und kleinen Sorgen und Gedanken haben, die Zuhören und Begleiten. die z.B. bei der Geburt dabei sind und Bestärken und nach der Geburt z.B. das Mittagessen kochen und einfach da sind. Optimal ergänzen sich Doula und Hebamme und schaffen ein "Nest", in dem sich die werdene Mama rundum geborgen und aufgefangen fühlt.
Eine Doula muss auf das eingehen, was die Frau braucht, auf ihre Wünsche und Gefühle und sie auf diesem Weg begleiten. Es geht hier nicht um fachliche Beratung. Viele Frauen wollen einfach jemanden, der mit ihnen ein paar Übungen macht, der ihnen Vertrauen gibt, den Bauch bemalt und fotografiert oder spazieren geht. Eine Doulabegleitung ist etwas sehr Inniges und für viele Frauen - sowohl Erstgebärende als auch Mehrfachmütter - eine gewisse Auszeit.
Die Gründe warum Frauen nach einer Doula suchen sind sehr verschieden. Manches Mal ist es einfach der Wunsch nicht alleine zu sein und eine erfahrene Frau an der Seite zu wissen, manchmal ist es der Wunsch, diese intensive Zeit besondern schön zu gestalten.
Viele von uns sind ja nicht nur Doulas, sondern haben auch gewisse andere Qualifikationen in Bezug auf das Mutter werden und sein.

Die nächste Frage betrifft deine Tätigkeit als Stillberaterin. Wie ist deine Erfahrung mit den meisten stillenden Müttern: Setzen die meisten auf bedarfsorientiertes und intuitives Stillen oder hält sich der Großteil eher an die 3-stündigen Stillpläne, die im Spital verteilt werden?

Die Tendez geht Richtung Bedürfnisorientierung. Die Problematik dabei ist weniger das intuitive Tun der Frauen (die genau dahin tendieren würden) als vielmehr die unzähigen Mythen und Ideen, die nach wie vor über das Stillen erzählt werden und kursieren. Zusätzlich, zur meist doch recht aggressiven Werbung von bekannten Firmen in Elternmagazinen verunsichert das gerade Jungmütter.

Was sind die häufigsten Probleme, die Mütter während der Stillzeit beschäftigen?

Die Milchmenge, das Zufüttern, die Nächte, wunde Brustwarzen, das Gewicht des Babys, die Beikosteinführung, das Zahnen, das Abstillen, ...

Eines deiner zentralen Themen ist ja das Aufwachsen von Babys ohne Windeln – Stichwort: windelfrei. Wie das geht, können wir ja genauer in deinen Büchern lesen oder in Seminaren lernen. Wie bist du selbst auf die Idee gekommen, deine Kinder windelfrei aufwachsen zu lassen? Ist schon euer erstes Kind windelfrei aufgewachsen? Und was würdest du Eltern als Rat mit auf den Weg geben, die dich fragen: „Ist das nicht stressig so ganz ohne Windeln?“

Ich habe zum ersten Mal in meiner Kindheit davon erfahren, dass es das gibt - also Babys ohne Windel. 80 % der Weltbevölkerung wächst ohne Windel auf. In vielen Ländern ist die natürliche Säuglingspflege also vollkommen natürlich und selbstverständlich. Windeln sind eine Errungenschaft der Industriegesellschaft, aber keineswegs natürlich. Abgesehen davon ist es ein ziemliches Märchen, dass Babys ihr Ausscheidungsbedürfnis nicht wahrnehmen und ihre Schließmuskulatur nicht kontrollieren können. Babys können das. Ebenso wie sie zeigen können, dass sie Hunger haben, Bauchweh haben oder müde sind. Es wäre absurd, würde diese Fähigkeit, die eigentlich das Überleben des Babys sichert (auf sich aufmerksam machen, wenn ein Bedürfnis auftaucht), nicht vorhanden sein.
Für uns stand schon in der ersten Schwangerschaft fest, dass wir es einfach probieren wollten ... Hätte es nicht geklappt, hätten wir immer noch Windeln kaufen können. Aber es hat geklappt und heute - fast 14 Jahre später - können wir es uns anders nicht vorstellen. Bei uns waren alle Kinder windelfrei.
Wichtig ist, dass Eltern entspannt bleiben. Wenn der Gedanken an ein Baby ohne Windel und die mögliche nasse Hose sie stresst, bringt die ganze Windelfreiheit - die nichts mit Sauberkeitserziehung zu tun hat, sondern eng mit dem bedürfnisorientierten Umgang verbunden ist - nichts.

Du bietest ja regelmäßig Vorträge zum Thema Authentic Parenting an. Was ist Authentic Parenting und wie seid ihr auf das Thema gekommen?

Authentic Parenting ist der Anfang - um es mal so auszudrücken. Attachment Parenting hat keinen Sinn, wenn wir als Eltern nicht in unserer Rolle angekommen sind. Wenn wir uns dieser nicht bewusst sind und bereit dazu diese in der Beziehung zum kleinen Menschen einzunehmen.  Wir müssen, im direkten Kontakt mit dem kleinen Menschen DA sein, Greifbar und klar in unseren Botschaften.
Authentic Parenting hat nichts mit Erziehung zu tun und ist auch kein Erziehungskonzept. Es ist vielmehr der Weg zum eigenen kleinen ICH - zu den eigenen Prägungen und dem Verstehen von Sitautionen, Handlungen und Blockaden in der Beziehung zum kleinen Menschen. Es ist eine Möglichkeit, zueinander zu finden. Mein Mann und ich arbeiten hier eng zusammen und begleiten Paare und Familien auf diesem Weg. Zum Teil durch Vorträge und Seminare, zum Teil durch intensive Wochenenden wo neben Gesprächsrunden auch Spiele mit den Kindern auf dem Programm stehen. Warum? Weil wir im Spiel unsere Ratio ausschalten und einfach nur sind. Und dadurch verschiedene Dinge anders betrachten können Wen das interessiert, den lade ich ein unsere Homepage zu besuchen, sich zu einem unserer nächsten Termine anzumelden oder auch bei unserer Sommerwoche im August dabei zu sein.

Thema: Freilernen. Deine Kinder besuchen ja weder Kindergarten noch Schule. Vor einer Stunde dachte ich eigentlich noch, dass man aufgrund der Schulpflicht gar keine andere Wahl hat, als seine Kinder zur Schule zu schicken. Bei näherer Recherche stieß ich auf eine Klausel: „Kinder können auch zum gleichwertigen (häuslichen) Unterricht abgemeldet und privat einzeln oder in organisierten Gruppen unterrichtet werden.“ (Quelle: help.gv.at)
Ich nehme an, dass ihr davon Gebrauch macht. Was muss ich machen, um meine Kinder zum häuslichen Unterricht anzumelden? Was oder wie lernen eure Kinder?

Wir haben in Österreich ja defacto keine Schulpflicht, sondern eine Unterrichtspflicht, die eben auch zuhause bzw. in Schulen/Lerngruppen ohne Öffentlichkeitsrecht absolviert werden kann. Das Prozedere ist relativ einfach. Als Eltern gibt man den Behörden vor Beginn des Schuljahres Bescheid, dass die Kinder im "häuslichen Unterricht" lernen werden, diese schicken dann die Kenntnisnahme retour. Am Jahresende gibt es dann die sogenannte Gleichwertigkeitsfeststellung - sprich eine Externistenprüfung.
Auch die angebliche Kindergartenpflicht ist im Grunde keine. Alle Eltern haben die Möglichkeit von dem Recht Gebrauch zu machen, die Begleitung ihrer Kinder selbst zu übernehmen.

Unsere Kinder waren nie in Kindergarten oder Schule. Allerdings muss ich dazu sagen, dass es bei uns auch keinen Hausunterricht gibt, wie immer wieder gerne angenommen wird.
Wie ich ja auch in meinem Buch zum Thema erläutere, ist lernen etwas, was vollkommen natürlich und da ist. Wichtig ist das WIE. Also wie begleiten wir, wie unterstützen wir die kleinen Menschen dabei, ihren Weg zu finden und ihre Interessen zu verfolgen.
Was sich für viele im ersten Moment nach wenig Verantwortung anhört, ist im Grunde das genaue Gegenteil.
Freilernen ist eine große Verantwortung für die Eltern, es ist mit Zeit verbunden, die wir uns bewusst für die Kinder nehmen, für ihre Interesse und die Begleitung. Und es ist eine komplett andere Sichtweise des Lernens. Lernen ist einfach da, es muss nicht erst gelernt werden. Und die beste Förderung ist, eine natürliche, bereichernde, lebendige Umgebung zu gestalten ohne Einzugreifen oder zu forcieren.

Wie kam es zur Gründung von eurem Verein für natürliches Aufwachsen und selbstbestimmtes Leben? Wie lange gibt es ihn schon und wie viele Mitglieder hat er in etwa? Was genau macht euer Verein?

Unseren Verein gibt es jetzt seit bald 8 Jahren. Es war eine logische Entwicklung durch die vielfältigen Tätigkeitsbereiche, aber auch durch unseren Wunsch ein breites Auffangnetz für Eltern zu schaffen und all die vielen Teilbereiche miteinander zu verknüpfen.
Im Moment besteht unser Verein aus vier Vollmitgliedern und in etwa 50 Fördermitgliedern. Wir setzen uns für einen achtsamen, wertschätzenden Umgang mit kleinen Menschen und für die Stärkung von Familien und für ein natürliches und selbstbestimmtes Leben und Lernen ein, bieten Seminare, Vorträge, Workshops und Gruppen zu diesen Themen an, Begleiten Eltern und Familien, veranstalten Familienzeit Wochen, wo wir verschiedene Gäste/Vortragende dazu einladen und ermöglichen - durch die Mitgliedsbeiträge - sozial schwächeren Familien trotzdem an den Angeboten teilzunehmen. So haben wir es in den letzten Jahren immer wieder geschafft, Menschen eine Teilnahme an Seminaren, Vorträgen, etc. zu ermöglichen, die wenig bis kein Einkommen haben. Ohne Spenden und Beiträge würde das aber nicht gehen und dafür sind wir all jenen besonders Dankbar, die uns dabei unterstützen.

Gibt es zum Abschluss eine Art Ratschlag oder Weisheit, die du zukünftigen Eltern in Niederösterreich mitgeben möchtest?

Eltern stehen heute unter ziemlichen Druck. Alles sollen sie richtig machen, alles perfekt, gleichzeitig sollen sie möglichst schnell wieder zurück in den Beruf, aber auch den kleinen Menschen optimal fördern und ihm etwas "bieten" ... Das, was ich allen werdenden und jungen Eltern immer wieder gerne mit auf den Weg gebe, ist auf sich selbst, auf das eigene Bauchgefühl zu hören und sich immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass es keinen einzig richtigen und wahren Weg gibt, sondern viele Möglichkeiten.
Richtig ist der Weg, der sich für die Eltern stimmig und gut anfühlt und es ihnen ermöglicht, einen liebevollen und achtsamen Umgang mit ihren Kindern zu leben.

Danke für das Interview an
stp-baby Redakteurin Rubina und Lini Lindmayer!

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